Drama &Geheimtipp &Johnny Depp &Kate Winslet &TopFilm Benjamin on 18 Feb 2005 09:11 pm
Wenn Träume fliegen lernen (Marc Forster, USA 2004)
Soweit ich mich zurückerinnern kann, ist dies der erste Film den ich in einem Multiplexkino gesehen habe, bei dem währrend des Abspanns von 100 Leuten 98 auf ihren Plätzen geblieben sind und nicht gleich aus dem Kino stürmten, wie es eigentlich sonst auch bei guten Filmen Gang und Gebe ist. Allein das sagt schon einiges über die Wirkung des Films aus, der sich scheinbar niemand entziehen kann.
Johnny Depp spielt den Autor Sir James Matthew Barrie, welcher Theaterstücke schreibt. Sein aktuelles Stück hat gerade Premiere und es ist gelinde gesagt ein Reinfall, also macht er sich tags darauf wie immer auf Ideensuche für ein neues Stück. Er arbeitet immer im Park wo er Bekanntschaft mit der Familie Davies macht. Sylvia Davies (Kate Winslet) zieht ihre vier Söhne nach dem Tod ihres Mannes alleine auf.
Die Jungs sind zwischen 5 und 15 und lernen den ideenreichen James bald lieben, der sich in ihre Welt begibt, mit ihnen spielt, sie in seine Phantasiewelt mitnimmt und sich von ihnen ihre eigene zeigen lässt.
Doch der zweitälteste, Peter weigert sich mit in diese Phantasiewelt zu kommen. Er verkraftet den Tod seines Vaters nicht. Er ist verschlossen und denkt Erwachsene würden nicht so sehr trauen wenn sie jemanden verlieren und dass es für sie nicht so schmerzhaft sei, eben weil sie erwachsen sind. Daher möchte er so schnell wie möglich erwachsen sein und verschließt sich den Träumereien und Vorstellungen die die Kindheit ausmachen.

Durch ihn und die ganze Familie inspiriert erfindet James Barrie Peter Pan, den Jungen, der nie erwachsen werden will, auch gewissermaßen als eine Therapie für Peter. James verbringt sehr viel Zeit mit der Familie Davies ohne dass er und Sylvia sich äußerlich näher kommen. Seine eigene Ehe ist schon länger erfroren, man schläft in getrennten Schlafzimmern, beide sind mit falschen Erwartungen in die Ehe gegangen. So wird James immer mehr ein Teil der Familie Davies und für die Kinder neben ihrer Mutter zu wichtigsten Bezugsperson. Doch währrend eines gemeinsamen Ausflugs aufs Land auf dem Peter allmählich beginnt seiner Phantasie freien Lauf zu lassen und selbst ein Stück aus einem Akt schreibt, bekommt Sylvia einen Hust- und Schwächeanfall. Wie sich herausstellt ist sie schwerkrank ….

Wer die Tendenz hat, bei emotionalen Filmen ab und zu eine Träne zu vergießen, sollte bei diesem Film definitiv Taschentücher mitnehmen, gerade das Ende ist sehr emotional und so schön der ganze Film vorher ist, so traurig ist er auch. Der Film hat Gott sei dank kein typisches Hollywood Happy-End, sondern ein sehr gutes, dem Film angemessenes Ende, dass die Wirkung des Films noch einmal intensiviert.
Der deutsche Titel ist meiner Ansicht nach vollkommen daneben, wenn gleich das Original auch schwer zu übersetzen ist, aber Finding Neverland ist im Prinzip die Grundaussage des Films. James Barrie sucht und findet sein Nimmerland, Sylvia ihres, Peter seins und sogar die böse Schwiegermutter findet ihr Herz.
Währrend des Films habe ich richtig Lust bekommen, demnächst mal wieder Hook zu sehen, den ich auch schon ein paar Jahre nicht mehr gesehen habe, und in dem wie auch in Finding Neverland Dustin Hoffman mitspielt.
Gesehen habe ich bis jetzt vier von fünf Oscar-Best-Picture-Filmen, in den Genuß von Million Dollar Baby werde ich wohl nicht mehr kommen vor dem 28. Jamie Foxx verdient wie mehrfach erwähnt den Oscar für seine Darstellung von Ray Charles, Martin Scorsese hat mit Aviator ebenfalls ganz großes Kino hingelegt und kann von mir aus den Regieoscar für seinen Hochglanzfilm bekommen, aber, auch wenn er ihn vermutlich bekommen wird, den Oscar für den besten Film hat er definitiv aus meiner Sicht nicht verdient, denn dieser Oscar muss an Finding Neverland gehen.

Verglichen mit Aviator und Ray eher unscheinbar, was auch für Sideways gilt (die Nominierung habe ich bis heute nicht verstanden), aber dafür in seiner Wirkung und vor allem in seiner Aussage, die Botschaft die dem Zuschauer ganz unaufdringlich vermittelt wird, wesentlich intensiver als die beiden anderen zusammen. Gerade bei der Geschichte um die Entstehung des Stücks Peter Pan bietet es sich an, den Fehler zu machen und zu viel Kitsch einzusetzen, doch stattdessen bedient er sich simpelster Methoden und vermittelt die Geschichte mit viel Feingefühl. Diese Vorgehensweise lässt den Film manchmal ein wenig zu ruhig wirken, aber dieses Gefühl kann sich im Endeffekt nicht wirklich durchsetzen. Man geht mit dem Gefühl aus dem Kino einen wundervollen, traurigen Film gesehen zu haben und macht sich über die Geschichte des kleinen Peters noch lange Gedanken und beginnt auch ein wenig über sich selbst zu reflektieren. Das ist für mich großes Kino. Größer als Aviator, obwohl dieser auf mich von der Aufmachung her größer wirkt, aber Glanz und Glamour ist halt nicht alles was zählt. Daher auch die höhere Wertung.
Abschließend muss ich vollkommen aus dem Kontext auf die Leistung der Kinder hinweisen. Sie sind absolut brillant auch ohne jeglichen Niedlichkeitsfaktor, allen voran Freddie Highmore als Peter Davies.
Und vielleicht findet ja nach diesem Film jeder von uns sein eigenes Nimmerland wieder…
Persönliche Wertung: 10 / 10
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