Anime &ScienceFiction Benjamin on 10 Jun 2007 03:06 am
Ghost In The Shell
Science Fiction Filme zeigen uns oft eine Möglichkeit, wie die Welt wohl in ein paar Jahrzehnten, Jahrhunderten oder Jahrtausenden aussehen könnte. Da sich die Menschheit selbst in dieser Zeit weiterentwickelt, allein auf technischem Gebiet, bietet Science Fiction die Möglichkeit sich mit der Entwicklung des Menschen selbst auseinanderzusetzen und dabei philosophische Fragen aufzugreifen und zu behandeln.
Der Film Ghost In The Shell (GITS) spielt in naher Zukunft in Japan, wo es möglich ist Menschen durch künstliche Implantate zu verbessern und so Cyborgs aus ihnen zu machen. Das reicht von verbesserten Augen über ausgetauschte Gliedmaße bis hin zum kompletten Ersatz des Körpers in dem nur noch das Gehirn vorhanden ist und sogar dieses kann durch Erweiterungen verbessert und leistungsfähiger gemacht werden.
So ergeht es der Agentin Kusanagi, die außer ihrem Gehirn komplett aus mechanischen Teilen besteht und viele Fragen aufwirft die ihre eigene Existenz betreffen. Wer gibt ihr die Sicherheit, dass sie menschlich ist? Ihr Gehirn hat sie wie die meisten anderen Menschen nie gesehen, ihre äußere Hülle ist mechanisch, worüber definiert sich das Menschsein? Der Puppet Master, ihr Gegenspieler erläutert, dass sich der Mensch über seine Erinnerungen definiert, da sie es sind die seine Persönlichkeit ausmachen. Er selbst ist nur ein Computerprogramm. Computer speichern Daten, gewissermaßen auch Erinnerungen. Er wurde nicht mal programmiert, sein Bewusstsein ist aus der Fülle an Daten und Informationen die im globalen Netzwerk vorhanden sind einfach selbst entstanden und er definiert sich selbst als Lebensform. Er transferiert sein Bewusstsein in einen Cyberkörper. Wo hört das Mensch sein auf, wo fängt es an? Ein Computerprogramm kann man abschalten, man kann es kopieren. Die menschliche DNS ist auch nur ein Programm aktiv um sich selbst zu kopieren und die Existenz eines jeden Lebewesens lässt sich im Grunde auf die Funktion des Tragens und Weitergeben der DNS reduzieren. Doch Computer können sich nur reproduzieren und nicht wie die menschliche DNS mit anderen DNS-Strängen verschmelzen und sich dadurch entwickeln. Daher trachtet der Puppet Master danach sein Bewusstsein mit dem von Kusanagi zu verschmelzen, um sich selbst zu reproduzieren und dabei zu entwickeln.
Im Zuge der technischen Entwicklung das dargestellte Szenario gar nicht mal in all zu weiter Ferne und die aufgeworfene Fragen über die Definition des Menschseins sein sind sicher interessant und regen durchaus zum Nachdenken an. Wobei der Film wirklich sehr philosophisch durchsetzt ist und noch wesentlich mehr Ansätze und Themen aufgreift als von mir dargestellt. Es ist eine von mir nach dem ca. fünften Sehen des Films aufgestellte Interpretation bzw. Deutung, nach weiteren Sichtungen die auf jeden Fall noch folgen werden, werden einzelne Aspekte sicherlich anders zusammenhängen und funktionieren und einzelne Szenen erscheinen wenn man sie anders mit dem Gesamtzusammenhang verknüpft sicher anders.
Mit Mangas und Animes konnte ich bisher sehr wenig anfangen, die paar Animes die man so ab und zu auf MTV sieht haben mich nie wirklich angesprochen, Chihiros Reise ins Zauberland und Prinzessin Mononoke waren aber auf jeden Fall sehr sehenswert und werden sicher demnächst nochmal näher in den Fokus der Betrachtung rücken. Ghost In The Shell hat mich schier umgehauen und ich würde ihn denke ich zurecht als einen der einflussreichsten und wichtigsten Science Fiction Filme der Neunziger bezeichnen der in vielerlei Aspekten andere folgende Werke maßgeblich beeinflusst hat, sowohl vom Grundthema und den aufgeworfenen Fragestellungen als auch über einzelne Szenen oder grundsätzliche visuelle Elemente des Films, so weiß man nach dem man Ghost In The Shell gesehen hat, woher die Wachowsky Brüder ihre Ideen und Inspirationen zu Matrix her hatten, angefangen von den grünen Zahlenkolonen die über den Bildschirm wandern, über die Anschlüsse am Körper, weiter zu den halb und vollautomatischen Waffen bis hin zu der Szene in der Eingangshalle wo ganze Pfeiler weggeschossen werden. Wer Matrix mochte wird Ghost In The Shell lieben.
Die Eingangs angesprochenen philosophischen Themen werden einem nicht grade auf dem Silbertablett serviert, sie werden vorwiegend von Kusanagi oder dem Puppet Master vorgetragen und dann meisten sehr geballt in einem Mono-, seltener einem Dialog, da heißt es schon Ohren spitzen und den Verstand aufwecken damit man dem Gesagten auch folgen kann, wobei auch oft Bezüge zu vorher unkommentierten Szenen die nur aus visuellen Eindrücken bestehen oder zu Ereignisse die man nicht unbedingt mit der aktuellen Szene in Verbindung bringt hergestellt werden. Das führt dazu dass man beim ersten Sehen nahezu überwältigt von der Fülle an Informationen und der Qualität dieses Films ist, er sich einem zwar absolut erschließt, man aber auch das Bedürfnis hat den Film schnellst möglichst nochmal zu sehen, was doch oftmals an sich schon ein Indiz für einen guten Film ist.
Doch nicht nur inhaltlich handelt es sich um einen überdurchschnittlichen Film, auch äußerlich hält der Film kritischer Überprüfung stand. Es ist ein Anime, damit ist natürlich keine Spur von irgendwelchen disneytypischen Knuddelcharakteren zu finden, wenn man mal von einem traurig die Brücke herabschauenden Hund absieht. Aber auch die sonst so typischen Animedarstellungen mit übergroßen Augen und extrem kurzen Röcken sucht man hier vergeblich. Die Megacity die den Schauplatz des Geschehens darstellt ist beeindruckend in Szene gesetzt worden, wirkt überaus lebendig, sie sorgt aber auch für das Gefühl der Größe, ein Moloch mit endlosen Häuserschluchten und fantastischen Lichterspielen bei Nacht. Die Stadt an sich bekommt manchmal minutenlang eigene Szenen gewidmet die mit einem absolut fantastischen Score unterlegt sind, der sich in seiner tollen Qualität durch den ganzen Film zieht und besonders die Höhepunkte des Films überaus gelungen in Szene setzt und dafür sorgt dass man fast das Gefühl hat von dem Film aufgesogen zu werden.
Ghost In The Shell ist sicherlich ein Highlight im Bereich der Animes, und kann dabei, wie in meinem Fall sogar Menschen die mit dieser Art Filmen vorher nicht wirklich etwas anfangen konnten durchaus begeistert und ich werde mir sicherlich noch weitere gute Animes wie z.B. Akira oder die Fortsetzung von Ghost In The Shell demnächst ansehen, da ich zugeben muss das ich diesen Stil wenn ihn eine gute Geschichte begleitet durchaus mag. Ich gehe mal davon aus dass jeder Animefan diesen Film eh schon kennt, aber auch Leuten die eher Filme zum Nachdenken oder mit philosophischen Hintergrund mögen und die bisher dachten nichts mit diesem Genre anfangen zu können sei dieser Film ans Herz gelohnt, es lohnt sich.
P.S.: Bin gerade bei der nächsten Sichtung des Films. Oben wurde ja erwähnt dass der Mensch sich über seine Erinnerungen definiert, ein Mensch der Erfahrungen nicht abspeichern würde, sondern immer nur im Jetzt leben würde, wäre wenig menschlich. Doch am Anfang des Films jagt die Abteilung Neun zu der Kusanagi gehört den Puppet Master da sie denken, dass es sich um einen menschlichen Hacker handelt. Doch sie erwischen immer nur Marionetten, Menschen, in deren Gehirn sich der Puppet Master gehackt hat und ihnen falsche Erinnerungen einprogrammiert hat, worauf hin sie Dinge tun, die dem Puppet Master nützlich sind. Hier entsteht dann thematisch ein Teufelskreis. Der Mensch definiert sich laut Film über Erinnerungen und Erfahrungen. Doch was wenn diese nur simuliert sind und der Mensch irgendwann feststellt, dass sein ganzes Leben eine Lüge und Illusion war und alle Erinnerungen falsch sind ….
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