Dokumentation &Musik Benjamin on 10 Aug 2007 04:53 am

Shut Up & Sing (Barbara Kopple / Cecilia Peck, USA 2006)

“We do not want this war, this violence, and we’re ashamed that the President of the United States is from Texas.” Ein Satz, gesprochen von Natalie Maines, der Leadsängerin der Dixie Chicks, der derzeit erfolgreichsten amerikansichen Frauenband, hätte beinahe die weitere Karriere der Band ruiniert.

Die Dixie Chicks befinden sich in London, spielen in einer ausverkauften Halle das erste Konzert ihrer Top Of The World Welttournee. Die Band befindet sich auf ihrem vorläufigen Höhepunkt. Es ist der 10. März 2003. Im Irak bahnt sich eine Intervention der USA an, in London protestieren über eine Million Menschen auf den Straßen gegen den drohenden Krieg. Die Dixie Chicks sind mit einem ihnen bisher fremden Antiamerikanismus konfrontiert – und sie verstehen ihn. So kam es, dass Natalie Maines, diesen Satz einfach so aus dem Stehgreif in einer Zwischenansage improvisierte, um die Stimmung des Publikums aufzugreifen, und ein wenig Applaus zu bekommen. Hätte sie geahnt, was sie damit lostrat, wer weiß ob sie diesen Satz dann trotzdem gesagt hätte.

In den USA wurde dieser Satz zu einem Skandal aufgebauscht. Es gehört sich nicht, den eigenen Präsidenten auf fremden Boden zu beleidigen. Eine Beleidigung des Präsidenten sei auch zugleich eine Beleidigung des eigenen Landes, etwas was gerade in der traditionellen rechtskonservativen Countrysparte ein absolutes Nogo ist. Hörer drohten mit dem Boykott der Sender, wenn sie weiter die Dixie Chicks spielen würden, so dass die Songs schließlich aus dem Programm genommen wurden. DJs, die sie trotzdem spielten, wurden gefeuert, die Radiostationen stellen Mülleimer, speziell für die CDs der Dixie Chicks auf, die Menschen haben öffentlich die CDs verbrannt und sie mit Baggern überfahren. Die Dixie Chicks, eine bis dahin absolut unpolitische Band, sahen sich mit einem Schneeballeffekt ohne gleichen konfrontiert und waren auf einmal gezwungen, sich politisch zu äußern. Ihre Single stürzte von Platz 1 auf Platz 46 und sie wurden von zahlreichen Radiosendern tatsächlich nicht mehr gespielt. Ihre Karriere war kurz vor dem aus, und das nur, weil sie etwas getan haben, wofür die USA und Präsident Bush vorgaben, diesen Krieg unter anderem überhaupt erst begonnen zu haben, dem Recht auf freie Meinungsäußerung für alle Menschen.

Der Dokumentarfilm Shut Up & Sing zeigt die Ereignisse rund um dieses Ereignis und was in den folgenden drei Jahren mit der Band passiert ist, wie sie damit umgegangen sind, ihre Reaktionen. Er zeigt die Geschichte dreier starker Frauen, allen voran ihre Frontfrau Natalie, die trotz der Anfeidnungen und sogar Morddrohungen gegen sie nicht einknicken und ihren Standpunkt weiterhin vertreten, selbst auf die Gefahr hin, dass ihre Karriere nicht weiter fortbestehen kann. Dieser Film wird für viele eine Bestätigung ihres Antiamerikanismus’ sein. Sicher, auf der einen Seite sind die USA ein großartiges Land, aber es gibt so viel negatives, was auch weltpolitische Auswirkungen hat. Nicht zu Unrecht halten 60% der Deutschen die USA für gefährlicher als den Iran für die Weltsicherheit. “Es ist gut die eigene Meinung zu sagen, aber nicht vor Publikum”. Das sind nicht die Ansichten, einzelner, sondern einer breiten Masse. Wer den Präsidenten kritisiert, verrät das Land. So ein Denken ist in einer Vielzahl von Amerikanern verwurzelt. Das ist einfach Wahnsinn. Doch der Film beschränkt sich darauf, nur die Dixie Chicks selbst, und ihr näheres Umfeld, Manager, Produzenten, Ehemänner, aber in erster Linie die Chicks selbst zu zeigen. Andere Stimmen von entscheidenden Persönlichkeiten hört man meistens nur über Nachrichtensendungen, die die Chicks zufällig selbst sehen, und die deswegen auch gefilmt wurden. Das ist aber vielleicht gar nicht so schlecht, weil damit eine Wertung reduziert wird, und man sich darauf beschränkt, dokumentarisch das zu zeigen, was die Band selbst bewegt. Und man bekommt einen guten Einblick in die Persönlichkeit der drei Mädels. Schade, dass der Film in den USA gerade mal in 84 Kinos lief und somit lediglich etwas über eine Million $ einspielen konnte, es hätte den Amerikanern sicher gut getan, sich einmal mit sich selbst auseinandersetzen zu müssen.  So wird der Film weltweit vermutlich eine viel größere Resonanz bekommen, als in den USA selbst.

Schade nur, dass der Film nicht erst ein Jahr später fertig gestellt wurde. So endet er mit der Take The Long Way Home – Tour, mit der sich die Dixie Chicks noch nicht ganz erholt haben. Drei Jahre und ein schlecht laufender Irakkrieg sowie schlechte Umfragewerte für den Präsidenten scheinen nicht dafür zu sorgen, dass die Amerikaner und allen voran die Country Fans umdenken und vergeben und vergessen können. Bezeichnenderweise ist die erste Singleauskopplung Not Ready To Make Nice, in den Billboard Charts auf Platz 4 gestiegen, während es in den Country Charts nur für Platz 36 gereicht hat. Die Tour war trotzdem nicht ausverkauft, und so bleibt man im Film offen, wie sich die Karriere der Band weiter entwickeln würde.

Die nächsten Grammy – Verleihungen haben eine eindeutige Antwort gegeben. Vier Grammies, unter anderem die zwei wichtigsten für das Beste Album des Jahres und den besten Song des Jahres haben die Dixie Chicks abgeräumt. Ein eindeutiges Zeichen, dass der Rest der Musikbranche hinter ihnen steht und ein klares Votum für die freie Meinungsäußerung. Ein Film, den man sich ruhigen Gewissens ankucken kann und der im Gegensatz zu den Moore-”Dokus” auch wirklich eine Doku ist. Ich bin auf jeden Fall ein Fan der Dixie Chicks geworden, und dass nicht in erster Linie wegen ihrer Musik.

Rechtschreib und Satzbaufehler sind auf die späte Uhrzeit und meine langsame Laptoptastatur zurückzuführen :-)

Trackback This Post | Subscribe to the comments through RSS Feed

Leave a Reply

You must be logged in to post a comment.

kostenloser Counter

kostenloser Counter