Deutsch &Drama &Vergewaltigung Benjamin on 13 Aug 2007 12:32 pm
Der Freie Wille (Matthias Glasner, Deutschland 2006)
Ein höchst kontroverser Film. Jürgen Vogels Darstellung des Vergewaltiger Theo Stöhr ist erschreckend glaubwürdig und wirkt durch den dokumentarischen Stil des Films sehr real. Der Film kommt wie Theo ohne viele Worte daher. Gesprochenen Dialog gibt es wenig. Um so mehr dominieren die Umgebungsgeräusche. In nahezu allen Szenen sind die sie unnatürlich laut, fast so, als wollen der Film dadurch die inneren Wirrungen seiner Hauptpersonen hinausschreien. Gefilmt wurde der Film fast ausschließlich mit der Handkamera. Dadurch bekommt der Film den eingangs erwähnte dokumentarischen Stil. Doch der äußere formale Eindruck einer Dokumentation wird durch die Nähe der Kamera wieder aufgelöst. Eine Doku bewahrt immer Distanz zum Geschehen, die Kamera bleibt auf Abstand. Im freien Willen ist die Kamera immer ganz nahe am Geschehen, bedrückend nah ist man den Gesichtern der Hauptdarsteller. Dementsprechend nah ist man immer dem Geschehen. Der Film fängt mit einer lang und äußerst detaillierten Darstellung von Theos letzer Vergewaltigung, bevor er im Knast landet. Durch den handwerklichen Stil des Films ist man dem ganzen erschreckend nah, der Film wahrt keine Distanz, der Zuschauer wird zwangsweise zum Voyeur gemacht, ob er will oder nicht. Gleich in den ersten Minuten verspielt die Hauptfigur jegliche Symphatie. Nach einem Sprung von fast 10 Jahren, in denen Theo in einer psychatrischen Anstalt saß muss er nun beim Zuschauer das gleiche leisten, was er in seiner Umwelt zeigen muss: Reue und den Kampf mit Vorbehalten, der automatischen Distanz, die jeder, der von seinen Taten weiß, zu ihm annimmt. Der Wille ist da, aber im folgenden wirft der Film die Frage auf, ob der Wille wirklich so frei ist, oder so eine psychische Störung einfach zu tief in einer Persönlichkeit verankert ist, als dass man sie wie eine “Krankheit” heilen könnte. Dabei verschiebt sich in der zweiten Hälfte der Fokus des Films hin zu Theos Freundin Nettie, die auch nachdem Theo ihr die Wahrheit erzählt und sie verstößt nicht aufhörn kann, ihn zu lieben.
Es ist auf jeden Fall ein Film der zum Nachdenken anregt. Sowohl über das Thema, als auch über den Film an sich und die Frage, ob diese Art der Dar- und Zurschaustellung angemessesn ist, und ob der Film mit dem Thema vernünftig umgeht. Der Film fällt seinem dokumentarischen Stil meiner Meinung nach etwas zum Opfer. Es wird gezeigt, nicht kommentiert, nicht reflektiert. Der Regisseur lässt den Zuschauer komplett allein mit dem Geschehen und man ist verwirrt und geschockt. Ich kann mir vorstellen, dass man gerade als Frau nach dem Film etwas anders durch die Welt geht. Man weiß nie, welche Geschichte der Mann, der so normal und harmlos aussieht, der da neben einem an der Bushaltestelle wartet, hat, und was in ihm vorgeht. Ist er wirklich so normal oder hat er innerlich zu kämpfen.
Der Film an sich ist zweifelsohne gut. Die Macher haben jahrelang recherchiert, sich um eine authentische Darstellung bemüht, und Jürgen Vogel setzt die Rolle wie schon erwähnt sensationell gut um. Es ist auf jeden Fall ein Film der erschüttert und der einen sehr mitnehmen kann. Was man letztlich von ihm halten soll, muss jeder selbst für sich entscheiden.
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