Peter Sellers &Stanley Kubrick Benjamin on 03 Sep 2007 11:40 pm

Dr. Seltsam oder: Wie ich lernte, die Bombe zu lieben (Stanley Kubrick, USA 1964)

“Gentlemen, you can’t fight in here! This is the War Room”

An einem Abend gleich zwei hochkarätige Klassiker, ich hoffe es wird noch mehr solche Abende geben. Kubrick Dr. Strangelove ist zweifelsohne die beste bisher von mir gesehen Politiksatire und übertrifft für mich sowohl 2001 als auch Full Metal Jacket, Shining sowieso. Die anderen Filme von ihm habe ich bisher noch nicht gesehen.

Sehr passend kam dieser Film, vor wenigen Tagen hab ich mir das card driven wargame “Twilight Struggle” zugelegt, ein Gesellschaftsspiel für zwei Personen das thematisch die gesamten 45 Jaher des Kalten Krieges behandelt, was dazu führte, dass ich mich mit den dort vorkommenden Ereignissen ein wenig intensiver beschäftigt habe, so dass ich viele der Aussagen des Filmes deutlich besser verstehen kann. Es dürfte wohl kein Zufall sein, dass dieser Film 1964 in die Kinos gekommen ist, zwei Jahre nach der Kubakrise. Vermutlich stand die Welt zu keinem anderen Zeitpunkt so nah am nuklearen Abgrund und die Gefahr, dass der Kalte Krieg heiß werden würde, und sich Amerikaner und Russen in einem Nuklearkrieg gegenseitig ausgelöschen war nie so hoch, wie in diesen 13 Tagen. Und so setzt sich dieser Film auf eine Art und Weise mit dem Thema Kalter Krieg und atomare Bedrohung auseinander, die so wirkt als wenn sie die Realität arg überspitzt darstellt.

Diese überspitzte Darstellung ist zum einen unterhaltsam, zum anderen weiß man aber. dass das ganze vielleicht doch nicht so fern der Realität war, so dass einem das Lachen im Halse stecken bleibt. Angeblich soll Präsident Reagan nach seiner Amtseinführung darum gebeten haben, dass ihm der Kriegsraum gezeigt wird, so sehr hat sich der Film in das Bewußtsein der Menschen gedrängt, der War Room war seiner Zeit eine fiktive Idee Kubricks.”Freedom is our Profession” steht auf einem Schild vor der US-Kaserne, dieser Seitenhieb auf die außenpolitischen und militärischen Amibitionen der USA hat nach über 40 Jahren immer noch Bestand und wird vermutlich solange es die Supermacht USA gibt Bestand haben.

So vermutet der amerikanische Stützpunktkommandant einen geheimen Angriff der Russen auf die Körpersäfte der USA mittels Wodka. Um ihnen zuvor zu kommen entscheidet er eigenmächtig einen Atomangriff auf Russland zu starten und schickt die in seiner Basis stationieren B-52 Bomber nach Russland. Möglich ist ihm dies durch einen geheimen Reserveplan, der einen Vergeltungsschlag der USA auch nach einem Erstschlag Russlands ermöglichen soll, bei dem möglicherweise der Führungsstab der USA getroffen wird. Somit wird ein Krisenstab einberufen, der mehrheitlich dafür ist, sich der Situation zu fügen. Da ein Erstschlag Amerikas unvermeintlich scheint, soll gleich das gesamte Militär Amerikas mobil gemacht werden, um den Feind komplett zu vernichten und einen Gegenschlag unmöglich zu machen. Doch der Präsident (Peter Sellers in einer von drei Rollen in diesem Film) versucht den diplomatischen Weg zu gehen und ruft mitten in der Nacht seinen russischen Amtskollegen an, welcher leicht betrunken ist.

Ein zugegebenermaßen durchaus realistisch erscheinenden Szenario, gerade wenn man bedenkt dass zuletzt 1995 in Schweden ein wissenschaftlicher Raketentest stattfand, den die Russen zunächst als Angriff werteten und Boris Jelzin über einen nuklearen Vergeltungsschlag entscheiden musste. Und der starke Alkoholkonsum Jelzin ist ja mittlerweile hinreichend bekannt. Der Film ist durchzogen von sexuellen Obsessionen. Er handelt fast nur von Männern, es kommen auch lediglich zwei Frauen überhaupt in ihm vor, welche allesamt Probleme mit dem weiblichen Geschlecht haben. Das führt dazu, dass sie alle sehr von Dr. Seltsams (ebenfalls Peter Sellers) Vorschlag begeistert sind, einen Teil der amerikanischen Bevölkerung in tiefen Bergwerkstollen unterzubringen, wo sie sich während der 100 jährigen Kontermination der Erdoberfläche aufhalten und vermehren sollen, um nach dieser Zeit nicht etwa einem zahlenmäßig überlegenem Feind gegenüber zu stehen. Da für dieses Programm 10 Frauen auf einen Mann gerechnet werden, sind alle begeistert von diesem Plan, vollkommen unabhängig von seinem Nutzen.

Der Film ist wie eingangs erwähnt genial, sowohl von der Story als auch von seinen Darstellern her, was Kubrick hier abgeliefert hat, ist zweifelsohne ein Meisterwerk abgeliefert, dass meiner Meinung nach noch deutlich höher in der IMDB-Wertung stehen müsste. Der Film zieht einen von der ersten Minute an voll in seinen Bann und hat keine wirklichen Hänger. Lediglich an einigen Stellen sieht man sehr auffällig, dass das Budget des Filmes überaus begrenzt gewesen sein dürfte, die Trickszenen sehen selbst für damalige Maßstäbe teilweise recht billig aus. Aber seis drum, das verleiht dem Film aus heutiger Sicht nur noch mehr Charme.

Mein Tipp an alle die den Film noch nicht gesehen haben: Unbedingt ankucken. Ein wenig vorwissen über den Kalten Krieg als ganzes und die Kubakrise im speziellen ist dabei nicht das verkehrteste, da man dann die Wirkung des Films deutlich besser verstehen dürfte.

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