Benicio del Torro &Drama &Episodenfilm &Naomi Watts &Sean Penn Benjamin on 11 Sep 2007 03:51 am

21 Gramm (Alejandro González Iñárritu, USA 2003)

Duncan MacDougall war ein amerikanischer Arzt der zu Beginn des 20. Jahrhunderts versuchte, das Gewicht der Seele zu messen. Dazu wog er sterbende Patienten, um aus dem Gewichtsunterschied zwischen lebenden und toten Menschen das Gewicht der Seele zu errechnen (Orginal Times Artikel von 1907). Er kam zu dem Ergebnis dass die Seele eines Menschen 21 Gramm wiegt.

Damit spielt der Titel wieder einmal auf verschiedene Ebenen von  Iñárritus Film an: Tod, Religion, Gott, aber auch die damit zwangsläufig Verbundene Elemente wie Liebe, Hass, Rache, Elend, Sünde, Schuld stehen diesmal im Zentrum von Iñárritus Untersuchungen menschlicher Abgründe. Wie schon in Amores Perros gibt es in diesem Film wenig Hoffnung und wenig Zuversicht, alles ist elend und düster und die im Zentrum stehenden Themen sind auch nicht gerade die heitersten. Die drei Hauptcharaktere, hervorragend gespielt von Sean Penn, Benicio del Toro und Naomi Watts werden zwar einerseits durch die sie treffenden Schicksalschlägen zu Symphathieträgern, mit denen man Mitleid hat, durch ihre eigenen Taten verspielen sie ihren Kredit aber wieder und ihr Handeln wird moralisch fragwürdig.

Auch in seinem zweiten Film steht ein tragischer Autounfall im Zentrum des Films. Dieser Autounfall trifft alle drei Charaktere direkt oder hat direkte Auswirkungen auf ihr weiteres Leben. Und vielmehr als in seinem Erstlingswerk, haben die Folgen des Unfalls Auswirkung auf die Beziehung der drei Menschen zueinander. Er sorgt erst dafür, dass ihre Leben verbunden werden, doch diese Verbindung scheint untrennbar zu werden.

Neben seinen Hauptdarstellern und dem exzellenten Drehbuch, und der wie immer etwas psychedelisch, aber durchaus passenden atmosphärischen  Musik wird 21 Gramm von seiner Struktur getragen. Iñárritu wiederholt hier seinen Episoden Ansatz aus Amores perros, geht aber einen entscheidenden Schritt weiter.
Diesmal werden uns nicht nacheinander drei Geschichten erzählt, in denen der Unfall zu einem belieibigen Zeitpunkt stattfindet und die dann abgeschlossen sind. Stattdessen hebt der Regisseur die zeitliche Ebene auf und springt nicht nur zwischen den einzelnen Geschichten hin und her, sondern auch in deren zeitlichen Verlauf. So kann eine Szene direkt am Anfang des Film schon von der Zeit nach dem Unfall erzählen, während die direkt folgende Szene in einer Zeit vor dem Unfall spielt. Der Sprung kann manchmal direkt von Schnitt zu Schnitt erfolgen, manchmal von einer Einstellung zur nächsten, oftmals aber dann doch von Szene zu Szene.
Durch diese Technik ist der Zuschauer zunächst verwirrt, weil er nicht versteht, was eigentlich passiert. Nach kurzer Zeit erfasst man aber, dass irgendetwas tragisches die drei Charaktere verbindet und ist gewillt, herauszufinden, wie es dazu gekommen und auch, warum sich die sehr offensichtlichen Änderungen der Charaktere ereignet haben. Das Beziehungsgeflecht, dass sich so nach und nach entfaltet ist sehr komplex, überfordert aber nie. Und das obwohl man wirklich sehr oft ins kalte Wasser geworfen wird: Nach einem Schnitt wird uns zunächst die Nahaufnahme eines Gesichts präsentiert, so dass der Zuschauer keine Chance hat, sich anhand des Raumes oder des Hintergrundes zu orientieren wo und wann er ist, und in welcher Beziehung gerade die Personen zueinander stehen. Aber man findet schnell heraus, dass man schon allein an den Gesichter viele der Informationen, die man benötigt bekommt, wenn man gelernt hat, sie zu lesen.

Dass dies sehr schnell problemlos gelingt, ist auf die sehr gelungene Darstellerwahl zurückzuführen, und dieser Film ist mit ein Grund dafür, warum Benicio del Torro zu meinen Lieblingsschauspielern gehört. Dieser Mann hat einfach ein absolut markantes und vom Leben gezeichnetes Gesicht und eine Ausstrahlung die es ihm ermöglicht auch große Charismatiker glaubhaft rüber zu bringen, weswegen ich nicht im geringsten daran zweifle, dass der nächstes Jahr ins Kino kommende Che Guevara Zweiteiler mit del Toro in der Hauptrolle ein Hit werden wird. Aber noch viel deutlicher zeigt der Film, warum man Sean Penn zu einem der besten Charakterdarsteller Hollywoods zählt, wenn nicht gar, zu dem momentan besten. Der Mann hats einfach drauf alles spielen zu können und das überaus glaubhaft, wobei gescheiterte Persönlichkeiten momentan seine Spezialität zu sein scheinen.

Alles in allem ist 21 Gramm sicherlich der komplexeste der drei Filme Iñárritus. Deutlich besser als Amores Perros befindet er sich auf einer Ebene mit Babel. Beide haben mir außergewöhnlich stark gefallen und einen Favoriten zu benennen fällt schwer. Der eine hat Stärken wo der andere Schwächen hat und umgekehrt. Letztlich sind alle seiner drei Werke  sehenswert und eine willkommene Alternative zum üblichen Hollywoodmainstream. Defintiv ein Film den man gesehen haben sollte, schon allein wegen seiner interessanten Erzählstruktur, seines hervorragenden Drehbuchs und siner klasse Schauspieler, denen dieser Film ausreichend Möglichkeiten gibt, ihr Können unter Beweis zu stellen.

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