Alfred Hitchcock Benjamin on 17 Sep 2007 01:43 am

Das Fenster zum Hof (Alfred Hitchcock, USA 1954)

Selten habe ich mich so geärgert, Simpsons zu kucken wie bei diesem Film. Eine Folge der Simpsons parodiert dieses Hitchcockklassiker, und zeigt wie Bart vermutet dass Flanders seine Frau ermordet hat. Die Parodie geht nach genau dem gleichen Schema vor wie der Film und somit war ich recht sicher, dass Ende bereits zu kennen und ich war überzeugt davon, recht zu haben, so dass anfangs keine Spannung aufkommen wollte.
Das kann aber ein generelles Problem Hitchcocks sein. Als Meister der Spannung angepriesen, lassen sich seine bisher gesehen Werke immer sehr viel Zeit mit der Einführung der Charaktere und der Location, wofür auch schon mal gut das erste Drittel des Films draufgehen kann. Aber ja länger der Film lief, desto mehr zweifelte ich an meiner Gewissheit, und um so spannender wurde der Film.

Bisher mein Lieblingshitchock. Ein Film mit einer sehr simplen Grundidee, die absolut genial umgesetzt wurde. Wir sind zu Gast bei Jeff. Jeff ist von Beruf Fotograf ist aber auf Grund eines gebrochenen Beines zu Hause gefangen und sitzt um ein wenig mobil zu bleiben im Rollstuhl. Fernseher gab es damals entweder nicht oder Jeff hat einfach keinen, so dass er sich die Zeit damit vertreibt, aus dem Fenster zu kucken. Dies ist weit weniger langweilig, als es zunächst klingt, denn das Fenster, an dem er Tag und Nacht sitzt, zeigt zum Hinterhof und man Einblicke in 31 andere Wohnungen. Und tatsächlich sitzen wir, ebenso wie Jeff, die folgenden 108 Minuten in dieser Wohnung und beobachten alles was Jeff sieht.

Zu diesem Zweck wurde eine riesige Hinterhofstudiokulisse eingerichtet. Alle Wohnungen hatten fließend Wasser und elektrisches Licht und 10 von ihnen waren komplett eingerichtet, so dass sie auch tatsächlich bewohnbar gewesen wären. Und somit sehen wir acuh immer nur entweder dass, was in Jeffs Appartement geschieht, oder das, was man in den übrigen Wohnungen durchs Fenster hindurch beobachten kann. Aufregend wird das ganze, als in einem Appartement die Frau eines Ehepaares verschwunden ist, und Jeff indizien dafür entdeckt, dass ihr Ehemann, Lars Thorwald, sie ermordet haben könnte. Schnell weiht er seine Haushälterin Stella und seine Freundin Lisa ein, die zunächst nicht glauben was Jeff erzählt, sich dann aber sehr schnell von seiner Überzeugung anstecken lassen.

Fast zwei Stunden einen Hinterhof aus der Sicht einer einzelnen Wohnung zu beobachten, und das ganze auch noch spannnend zu halten, dazu dürften nur die wenigsten in der Lage sein. Hitchcock hat es geschafft, vor allem in erster Linie dadurch, dass er uns, also den Zuschauer, direkt mit einbindet in die Handlung. Jeff ist im Prinzip ein Stellvertreter fürs Publikum. Er ist ebenso wie wir vor der Leinwand, bei ihm sein Fenster, gefangen, und hat auf Grund seiner Behinderung keine Möglichkeit auf das Geschehen Einfluss zu nehmen. Er ist Voyeur, genau wie wir, und wir alle wollen wissen, was wohl geschehen ist. Irgendwann vermutet man nicht nur, irgendwann bekommt man die gewissheit und will das es war ist, und sucht weiter nach Indizien die dafür sprechen. Hitchcock packt den Zuschauer bei einem Urtrieb, der Lust am Zusehen, und damit auch an der Stelle, die dafür sorgt, das Kino für uns überhaupt erst interessant ist. Ein Film, in dem auch deutlich mehr steckt, als es auf den ersten Blick den Anschein hat, denn der Film hat mehr als eine Ebene, man kann ihn auf zahlreiche Arten und Weisen betrachten und deuten. So kann man z.B. Jeffs Überzeugung, dass Thorwald seine Frau ermordet hat, durchaus als seine eigene Beziehungsangst deuten, denn er selbst scheint sich sehr gegen eine Beziehung zu sträuben, und der Wunsch nach dieser Tat kann als seine eigene Ablehnung gegen die Ehe gedeutet werden.

Erschreckend ist auch, dass das Schicksal von Miss Torso scheinbar nur am Rande interessiert, obwohl es wahrgenommen wird. Die Frau steht kurz davor, sich das Leben zu nehmen, was Jeff, Lisa und Stella auch auffällt, aber die Tote ist irgendwie doch interessante, als die Lebenden, der man noch helfen könnte.

Hitchcock hat mit “Das Fenster zum Hof” einen wirklichen Klassiker geschaffen, der sowohl durch seine formale Struktur in Erinnerung bleibt, als auch durch seine Entlarvung des Zuschauers, bei der sich jeder ein wenig ertappt fühlt. Die Ausleuchtung von Thorwals Augen in einer der letzten Szenen ist gerade zu gespenstisch…

Wer “Das Fenster zum Hof” noch nicht gesehen hat, sollte das unbedingt korrigieren!

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