Uncategorized Benjamin on 08 Okt 2007 12:16 am
Lolita (Adrian Lyne, USA/Frankreich 1997)
Tja, so kann’s gehen, wenn man nicht genau hinkuckt. Zum einen in der Videothek, zum anderen bei den Credits im Film selbst. So dachte ich doch hier Kubricks Version der Romanverfilmung zu sehen. Natürlich hab ich mich gewundert, ob Jeremy Irons wirklich schon so alt ist, und dass er sich ja über die Jahre deutlich verändert hat, aber irgendwie hat’s nicht klickt gemacht.
Ich habe mich die ganze Zeit während des Films gefragt, ob so eine Darstellung von Pädophilie seine Daseinsberechtigung haben kann, habe mich dann aber hinterher darüber belehrt, dass man im Falle von “Lolitas” nicht von Pädophilen spricht, sondern von Parthenophilie, womit Männer bezeichnet werden, die starkes Interesse an Mädchen zeigen, die sich gerade in der (einsetzenden) Pubertät befinden, also durchaus auch schon von sich aus an Sexualität interessiert sind. Medizinisch ist dies klar von der Pädophilie abzugrenzen und gilt auch nicht als Verhaltensstörung. Das beruhigt mich, da ich während des Films durchaus Mitleid mit Jeremy Irons Charakter hatte.
Mit 14 Jahren war er das erste Mal schwer verliebt, hatte seine erste Freundin, erste sexuelle Erfahrungen, doch auf dem Climax dieses Höhenfluges starb seine große Liebe an Typhus. Diesen Verlust konnte er scheinbar nie richtig überwinden.
Einige Jahrzehnte später ist er mittlerweile Professor geworden und wohnt den Sommer über im Gästezimmer der Witwe Haze. Von deren Tochter Dolores “Lolita” Haze ist er von der ersten Sekunde angetan und heiratet sogar schließlich ihre Mutter, nur um dauerhaft in Lolitas Nähe zu sein. Doch eines Tages entdeckt seine Frau seine Tagebücher und ist entsetzt, kommt aber kurze Zeit später um, so dass Humbert (Irons) jetzt Lolitas Vater und für sie verantwortlich ist. Die beiden beginnen eine eindeutig sexuelle Beziehung, wissen zwar, dass dies nicht an die Öffentlichkeit gelangen darf, gehen untereinander aber sehr offen damit um. Trotz dieses sexuellen Ebene ist die Beziehung aber auch von normalen Vater-Tochter-Konflikten geprägt, die Humbert naturgemäß meistens verliert. Nach einiger Zeit wird Lolita von einem anderen Parenthopilen entführt und Humbert begibt sich auf die jahrelange, erfolglose Suche nach seiner zweiten großen Liebe, die er unendlich vermißt. Nach einigen Jahren erreicht ihn ein Brief von Dolores. Sie ist mittlerweile verheiratet und erwartet ein Kind. Er besucht sie, in der Hoffnung, sie dazu überreden zu können, wieder mit ihm mitzugehen, aber sie möchte nicht. Humbert zerbricht daran und tötet schließlich ihren Entführer, der dafür verantwortlich ist, dass Lolita nicht mehr Teil seines Lebens ist.
Die beiden Hauptdarsteller des Films überzeugen auf ganzer Linie. Jeremy Irons stattet seinen Charakter mit viel Tragik und Emotionalität aus. Man leidet mit ihm mit, da man das was er durchmacht, nachvollziehen kann, zumindest wenn man es auf die Bedeutung der ersten bzw. zweiten große Liebe bezieht. Er übt sich einer sehr ruhigen, zurückgezogenen Darstellung und man nimmt ihm jederzeit ab, voll in der Hand Lolitas zu sein. Diese wird exzellent von der damals 17 jährigen Dominque Swain verkörpert, der man sowohl durch Körpersprache als auch durch ihr Verhalten die Rolle des gerade in die Pubertät gekommenen Mädchens absolut abnimmt.
Lediglich die Story schwächelt gerade gegen Ende hin sehr. Die beziehung der beiden wird im Film nicht wie im Roman zwanghaft und durch gewalt geprägt beschrieben, sondern auf gegenseitigem Wollen. Man (zumindest ich) versteht am Ende nicht, warum Lolita nicht versucht hat Humbert wiederzufinden, und wieso sie nicht wieder zu ihm zurückkehrt, wo sie doch selbst wenige Sätze vorher sagt, dass sie auch in der Zeit kurz nach ihrem Verschwinden eigentlich immer nur mit Humbert zusammen sein wollte.
So bleibt unterm Strich eine recht gute Literaturverfilmung (wobei ich weder Roman noch Kubricks Vorbild kenne) mit sehr guten, überzeugenden Darstellern, einer guten Ausstattung, sehr viel Feingefühl in der Darstellung mit allerdings schwächen im Plot. Ich werde mir wohl demnächst dann Kubricks Version des Films ansehen müssen, um vergleichen zu können.
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