Uncategorized Benjamin on 13 Okt 2007 02:33 am

Sicko (Michael Moore, USA 2007)

Ob der Titel wohl zufällig Psycho ein wenig ähnelt? Keiner weiß es. Michael Moore nimmt diesmal das amerikanische Gesundheitssystem unter die Lupe, welches, laut Film, das einzig nicht kostenlose und nicht staatliche Gesundheitssystem der westlichen Welt ist. Es ist in der Tat erschreckend, wenn man sieht, dass ein Baby sterben muss, weil die Versicherung das Krankenhaus in das die Mutter es gebracht hat ablehnt und fordert, dass sie es in ein versicherungseigenes Krankenhaus bringt. Die Ärzte im ersten Krankenhaus weigern sich, das Kind zu behandeln und als die Mutter das Kind ins zweite Krankenhaus fährt, kann dort nur noch der Tot festgestellt werden.
Ein Mann sägt sich zwei Finger ab und im Krankenhaus muss er entscheiden, welchen er sich leisten kann: Mittelfinger 60.000$, Ringfinger 12.000$. Er entscheidet sich für den Ringfinger und der Mittelfinger wird entsorgt. Ein Ehemann und Vater eines Kindes erkrankt an irgendeiner Krebserkrankung und sein Bruder wäre der perfekte Spender, mit dem Krebs besiegt werden könnte. Die Rückenmarksspende wäre sehr teuer für die Versicherung, sie lehnt ab mit der Begründung, dass das ganze noch im experimentellen Stadium sei und lehnt die Spende ab. Drei Wochen später ist der Mann tot. Versicherungen stellen Ärzte ein, die Beförderungen und Prämien bekommen, wenn sie die meisten Gesuche ablehnen. Sie sind damit nicht verantwortlich für den Tot des Patienten, sondern lehnen nur eine Behandlung ab wird ihnen eingetrichtert.

Das sind Berichte von Betroffenen, die erschüttern. Gewiss, im deutschen Gesundheitssystem ist auch nicht alles perfekt. Am Anfang des Films wird ein junges Mädchen gezeigt, das droht taub zu werden und ein Implantat für ein Ohr bewilligt bekommt, fürs zweite nicht, so dass sie auf dem Ohr auf jeden Fall taub werden wird. Sowas ist in Deutschland leider auch Standard und gerade im zahnmedizinischen Bereich haben wir seit einigen Gesundheitsreformen eine eindeutige Zwei-Klassen-Gesellschaft.
Aber das man bevor man zum Arzt geht seine Versicherung anrufen muss, um nachzufragen, ob sie die Untersuchung bewilligt und das man eine überlebendswichtige Herzoperation selbst bezahlen muss, weil die Versicherung sich weigert zu zahlen, das gibt es hier nicht und wenn, dann ist es ein tragischer Unglücksfall bei dem viele Komponenten zusammen kommen. Zumindest habe ich noch nicht gehört, dass in Deutschland jemand sterben musste, weil die Versicherung nicht zahlen wollte. Sowas wäre in meinen Augen Mord und ich kann nicht nachvollziehen, wie ein Arzt sich weigert einen verlorenen Finger anzunähen oder ein sterbendes Baby zu behandeln, so dass es stirbt. Ich würde in einem solchen System sofort meinen Beruf wechseln. Diese Berichte von betroffenen sind die starke Seite des Films, vor allem, weil Moore selbst sich hier ziemlich zurückhält und nicht durch selbstdarstellung negativ auffällt.
Schließlich besucht Moore Frankreich und Großbritannien und gibt sich jedesmal völlig überrascht, wenn Leute die aus dem Krankenhaus kommen ihm erzählen, dass sie gerade keine Rechnung bekommen haben, und nichts zahlen mussten. So wie er die staatlichen Gesundheitssystem der europäischen Staaten darstellt, sind sie sicher auch nicht, ein ElDorado und absolut gemeinnütziges Paradies, auch hier wird profitorientiert gedacht und es hat sicherlich zahlreiche Schwächen und Ausnahmen. Aber dennoch will Moore den Amerikanern wohl in erster Linie zeigen, dass ein staatliches Gesundheitssystem funktioniert, da den Amis von allen Seiten eingetrichtert wird, dass ein staatliches Gesundheitssystem zwangsläufig zum Sozialismus führen muss, und sich die allgemeine Gesundheitsversorgung deutlich verschlechtern würde. In den USA läuft politsch so ziemlich alles übers Geld und die großen Versicherungskonzerne lassen sich die Beibehaltung des momentanen Systems einiges kosten, so dass jede Komission oder jeder Ausschuss der an Plänen zur Änderung des momentanen Systems ziemlich schnell von den Versicherungen gekauft werden würde, so dass es keine wirklich Aussicht auf Änderung geben wird.
So sucht Moore nach Gründen für das Debakel und er macht es sich leider ziemlich leicht und schiebt Richard Nixon die Schuld in den Schuhe, womit das ganze gerade Mal 30 Jahre zurückliegen würde. In Wirklichkeit reichen die Wurzeln des ganzen aber viel weiter zurück, der späteste Ansatzpunkt wären die Arbeitskämpfe der Mittelklasse in den 50er Jahren, wo man für mehr Lohn und bessere Sozialleistungen gekämpft hat und sich schließlich dafür entschieden hat, das Angebot für mehr Lohn anzunehmen udn auf die geforderten Sozialleistungen zu verichten. Forscht man weiter wird man sicherlich noch viele andere Ursachen finden, aber soweit geht Moore leider nicht.
Auch der Ausflug nach Kuba am Ende des Films, der einige 9/11 Helfer zeigt, die an Folgeerkrankungen leiden, in den USA aber keine Unterstützung bekommen. Zunächst versucht Moore nach Guantanamo Bay zu gelangen, um in den dort für die Terroristen vorhandenen medizinischen Einrichtungen Hilfe für die 9/11 Helfer zu finden, muss dann aber Reisaus nehmen und findet die Hilfe schließlich auf Kuba selbst, wo die Ärzte alle kostenlos behandeln und ihnen Medikamente mitgeben, für die sie in den USA 120$ bezahlen müssten, auf Kuba kosten sie gerade mal fünf Cent.
Das ist dann der Mooretypische Teil bei dem er Selbstdarstellerisch in Erscheinung tritt. Sicherlich ist so eine Behandlung nicht für alle Kubaner typisch, immerhin hat man vorher im Film eine Statistik gesehen, die das US-Gesundheitssystem weltweit auf Platz 32 anordnet und zwei Plätze weiter unten stand Kuba.
Aber erschreckend ist es trotzdem, dass den Terroristen eine erstklassige 24 Stunden rund um die Uhr medizinische Betreuung zugestanden wird, während Helfer, US-Bürger jahrelang an den Folgeerscheinungen leiden müssen.

Letztlich bleibt ein gemischter Eindruck. Wie jeder Moorefilm ist auch dieser Film wieder überaus unterhaltsam und Leute mit einer antiamerikanischen Grundhaltung werden sich in ihren Ansichten bestärkt fühlen. Und nach dem Moorefilmen bekommt man nicht wirklich gerade Lust in den USA zu wohnen. Immerhin ist es nicht unwahrscheinlich dass ein Arbeitloser (Roger & Me) der auf der Straße sitzt und keine Zukunft mehr sieht, sich jemanden, mich, wahllos raussucht und anschießt (Bowling for Columbine) und man dann nicht mal behandelt wird und stirbt, oder lebenslang als Krüppel rumlaufen muss, weil man in der falschen Versicherung war, bzw. der Sachbearbeiter seine Quote noch nicht erreicht hat (Sicko). Geht man dann auf die Straße, um gegen diese Mißstände zu protestieren, wird man als Bedrohung der nationalen Sicherheit eingestuft und wandert in den Knast (Fahrenheit 9/11).  Auf jeden Fall verleiten die Filme einen, sich etwas intensiver mit dem amerikanischen System auseinander zu setzen, denn wenn das mooresche Bild stimmen würde, wären die USA ein Land, das hinter der Fassade absolut kaputt und das kränkeste und verrückteste der westlichen Welt wäre. Und in der Tat fragt man sich wirklich, ob es nicht im Grunde egal ist, wer im Weißen Haus sitzt und in Wirklichkeit die großen Unternehmen alles bestimmen und darauf bedacht sind, dass alles so läuft, wie sie es sich vorstellen und einige tausend Amerikaner in Reichtum schwelgen, während Millionen von ihnen in Armut und Angst leben. Bei solchen Gedanken bekommt man ein wenig Angst, weil dies der unabdingliche Weg der Demokratie und des Kapitalismus zu sein scheint und es nur noch eine Frage der Zeit zu sein scheint, bis es auch hier in Deutschland soweit ist.
Ok, das waren jetzt einge recht private Gedanken, die mir nach dem Film gekommen sind, aber

vlt. liefert es ja mal wieder ein wenig Anlass zur Diskussion.

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