Uncategorized Benjamin on 20 Jan 2008 05:41 am

9 Songs (Michael Winterbottom, Großbritannien 2004)

“It’s just about fucking!” lautete die Antwort des Hauptdarstellers Kieran O’Brien als er in einem Interview nach der Botschaft des Films gefragt wurde. Und in der Tat wundert man sich wie so ein Film im Nachtprogramm auf 3 Sat laufen kann, ich dachte immer, in Deutschland wäre die Ausstrahlung solcher Filme ohne Jugendschutz verboten. Man sieht Nahaufnahmen eines nackten weiblichen Geschlechtsteils, man sieht einen Penis und wie eine Frau ihn in den Mund nimmt und den man oral verwöhnt und zwar sieht man es wirklich, wie in einem Porno. Man sieht wie sie ihn reitet von hinten gefilmt mit bester Sicht auf alle Details und man sieht wie der Mann nach dem Oralsex das Ergebnis’ seines Orgasmus’ auf seinem Bauch verteilt. Das ganze wird nicht wie in Pornos künstlich dargestellt und die Kamera verharrt auch nicht minutenlang in den einzelnen Einstellungen. Die geschilderten Szenen werden nur wenige Sekunden lang gezeigt. Da man sowas aber nicht in einem Nichtporno erwartet kommen einem diese Einstellungen deutlich länger vor und sie bleiben im Kopf, wie der ganze Film.

Überhaupt ist 9 Songs reinstes Arthouse Kino, dass nichts mit Mainstream Kino zu tun hat, und Menschen, die mit dieser Art Filmen nichts anfangen können werden schrecklich gelangweilt sein. Der Film ist wie schon erwähnt kein Porno, aber es gibt auch wenig Romantik. Es geht wirklich in den Sexszenen selbst nur um den Sex an sich, wie er tagtäglich überall passiert.

Der Film schildert Matts (Kieran O’Brien) Erinnerungen  an seine einjährige Beziehung mit Lisa (Margo Stilley), welche er auf einem Rockkonzert kennengelernt hat. Wirklich in Erinnerung geblieben sind ihm scheinbar nur die gemeinsamen Rockkonzertbesuche und der Sex mit ihr, so dass der Film auch nur dieses schildert, abwechselnd ein Rockkonzert und dann eine Sexszene. Viel mehr Inhalt und Handlung hat der Film nicht. Dennoch langweilt er nicht, wobei ihm seine, mit 69 Minuten äußert knappe Spielzeit sehr zu Gute kommt. Und tatsächlich schafft es der Film eine Geschichte zu erzählen, die über den Sex des Pärchens erzählt wird. Die Art und Weise wie die beiden miteinander umgehen und Sex haben, spiegelt die verschiedenen Phasen ihrer Beziehung wieder, man entdeckt dort eine deutliche Entwicklung.

Die beiden Hauptdarsteller haben sich zwei Tage vor Drehbeginn das erste Mal gesehen und sie haben währrend der Drehpausen möglichst Kontakt vermieden, damit sie keine emotionale Beziehung aufbauen. Regisseur Winterbottom wollte keinen romantischen Sex, keine Gefühle, er wollte einfach Sex um der Lust willen. Und er wollte ihn zeigen. Explizit. Und dann sehen ob er seinen Film an den Zensoren vorbei ins Kino bekommt, und tatsächlich hat er es, zumindest in einigen Ländern geschafft. Bewundern muss man vor allem den Mut der Hauptdarsteller. Für Marog Stilley war es der erste Film überhaupt und so ein Projekt kann eine Filmkarriere beenden noch bevor sie überhaupt angefangen hat. Und in der Tat ist ihr eine Welle der Entrüstung aus ihrer Heimat entgegengeschlagen, die dazu führte, dass sie ihren Namen aus dem Projekt entfernt haben wollte und auf ihre Person nur als “Lisa” ihrem Charakternamen Bezug genommen wird. Winterbottom hat sie u.a. mit dem Versprechen gelockt, sie in einem seiner nächsten Filme zu berücksichtigen und ihr eine gro.ße Rolle zu geben, ein Versprechen, dass der fleißige Winterbottom, der zuletzt A Mighty Heart gedreht hat. Und so hat dann Stilley bis heute auch noch nicht viele gute Rollenangebote bekommen.

9 Songs ist für mich ein sehr interessantes Filmprojekt, das allerdings nie die breite Masse erreichen wird, und uns wohl auch in zukünftigen Filmen  nicht den unzensierten Anblick kopulierender Paare und mehr authentische Sexszenen bescheren wird. Aber dennoch ein Film der sich ins Gedächtnis brennt.

One Response to “9 Songs (Michael Winterbottom, Großbritannien 2004)”

  1. on 04 Apr 2009 at 23:08 1.9 Songs von Michael Winterbottom « Filme « Eklektizismus, Improvisation, Sex, Songs, Winterbottom said …

    [...] Dieses Zitat von Tommy trifft weit eher meine Einschätzung: “Man sollte sich diesen Film unbedingt anschauen, ihn als mutiges und klug gefilmtes Experiment eines kompromisslosen Regisseurs rezipieren.” Eine sehr differenzierte und lesenswerte Betrachtung gibt es bei Filmfieber. [...]

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