Uncategorized Benjamin on 10 Sep 2008 02:26 am

Der Elefantenmensch (David Lynch, Großbritannien 1980)

Der Elefantenmensch erzählt die Lebens- und Leidensg von Joseph Merrick. Merrick lebte im späten 19. Jahrhundert in London und litt an einer seltenen, damals noch nicht bekannten, Krankheit, die als Elefantitis bezeichnet wurde. Die Symptome dieser Krankheit waren körperliche Deformationen und unnatürliche Auswüchse an den einzelnen Körperteilen. Sein rechter Arm war absolut unbrauchbar, sein Kopf stark deformiert und vergrößert. Überall an seinem Körper bildeten sich tumorartige Auswucherungen, Hautfalten hingen herab, so dass man ihm den Spitznamen Elefantenmensch gab. Sein Anblick muss für die damals lebenden Menschen, die nicht durch das Fernsehen für solche außergewöhnlichen Phänomene sensibilisiert wurden, absolut schrecklich und ekelerregend gewesen sein. Es wird von Frauen berichtet, die in seiner Gegenwart reihenweise in Ohnmacht gefallen sind.

David Lynch drehte bis dato lediglich einige kurze Expermintalfilme und hatte ein paar Jahre zuvor seinen ersten Spielfilm abgedreht, Eraserhad, der allerdings kommerziell bedeutungslos war und ebenfalls Experimentalfilmstatus hatte.  Sein Skript fiel Mel Brooks in die Hände, der Eraserhead liebte und alles daran setze, dass Lynch Regie führen durfte. Aus heutiger Sicht mutet Der Elefantenmensch für Lynche Verhältnisse nahezu seltsam an, da er einfach sehr klassich eine anrührende Geschichte über Tolleranz, Offenheit und gesellschaftlich Ausgestoßene erzählt. Etwas was gar nicht zum heutigen Lynch passen mag, wo er sich doch mittlerweile weigert seine Filme direkte Aussagen machen zu lassen.

Um so beeindruckender ist sein Porträt Jospeh Merricks. Lynch lässt uns in das viktorianische London des ausgehenden 19. Jahrhunderts eintauchen. In schwarz-weiß gefilmt schafft er es, uns in diese gar nicht mal so weit zurückliegende, aber dennoch uns mittlerweile sehr fremde Welt, eintauchen zu lassen und eine Atmosphäre zu schaffen, die die Industrialisierung zwar nur in wenigen Bildern direkt zeigt, aber die Geräuschkulisse der rund um die Uhr arbeitenden Maschinen ist in jeder Szene die nicht im inneren eines Gebäude spielt präsent.

Merrick lebt als Attraktion auf Jahrmärkten, wo er als “Das Monster” zweifelhaften Ruhm erlangt. Gehalten wird er von seinem “Besitzer” wie ein Tier, aber Merrick hat zu viel Ablehnung, Hass und Abscheu erlebt, um sich selbst aus seiner mißlichen Lage befreien zu können. Wie auch? Wehren kann er sich nicht, da seine Krankheit ihn nicht nur entstellt hat, sondern auch schwach gemacht hat. Er kann nicht vernünftig laufen, hat bei der geringsten Anstrengung Atemnprobleme und kann seinen linken Arm nicht wirklich benutzen. Und wohin sollte er gehen. Überall wird er als abartiges Monster angesehen, in dem alle nur ein abscheuliches Tier, aber niemand den Menschen, der natürlich in ihm steckt sehen. Ein von ihm vielbenutzer Satz lautet “Ich bin ein menschliches Wesen. Ich bin ein Mensch!”.

Eines Tages trifft der Arzt Frederick Treves auf Merrick, nimmt sich seiner an und beherbergt ihn in einem Londoner Krankenhaus. Hier macht er sogar Bekanntschaft mit der Upper Class Londons, von denen die meisten wohl weniger seine Freundschaft suchen, als den zweifelhaften Ruhm der Bekanntschaft mit dem Elefantenmenschen, um im Freundeskreis prahlen zu können. Da seine Krankheit nicht heilbar ist, muss er das Krankenhaus eigentlich verlassen, doch die Königin Viktoria erfährt von seinem Schicksal und sorgt sich höchstpersönlich dafür ein, dass Merrick versorgt wird.

So beginnt Merrick in Treves und seiner Frau zum ersten Mal in seinem Leben so etwas wie Freundschaft und Akzeptanz zu erfahren. Schon so kleine Dinge rufen in ihm die höchsten Glücksgefühle hervor. Treves versucht Merrick so gut es geht gesellschaftlich zu integrieren, doch immer wieder wird er auf Grund seines Aussehens vom Pöbel verfolgt und gedemütigt, obwohl wir als Zuschauer begleitet durch Treves und seine Frau im Film Merrick als herzensguten Menschen erleben können. Er hat gar keine großen Ambitionen und Träume, er möchte kein normales Leben führen wie alle anderen, er möchte nur einfach nicht mehr dauernd unnötig Steine in den Weg gelegt bekommen und es einfach ein bisschen weniger schwer haben.

Der Elefantenmensch ist eine sentimentale Parabel, die sich mit einem Menschen beschäftigt, der anders als die Norm ist, in diesem Fall rein äußerlich, ohne etwas dafür zu können und der einfach um ein bisschen mehr Tolleranz und Offenheit bittet. Denn verbrochen hat er nichts,  außer anders auszusehen. Im Grunde seines Herzens ist Merrick ein sehr viel besserer Mensch als all diejenigen die ihn jagen, verspotten und demütigen. Doch kümmert diesen Pöbel das recht wenig, die Belustigung und zur Schaustellung ist allemal wichtiger.

Der Elefantenmensch ist ein absolut sehenswerter Film, von dem sich auch Menschen nicht fern halten sollten, die von Lynchs jüngsten Filmen wie INLAND EMPIRE, Mulholland Drive oder Lost Highway verschreckt sind. Der Elefantenmensch hat mit diesen Filmen nicht wirklich viel gemein, auch wenn immer wieder die deutliche Handschrift Lynchs zu erkennen ist. Aber letztendlich ist allein die viel zu kurze Lebensgeschichte Jospeh Merricks das Sehen dieses kleinen Meisterwerkes wert, in dem wir Anthony Hopkins in einer Rolle sehen, die seiner Leistung aus Das Schweigen der Lämmer zumindest ebenbürtig erscheint, allein in Anbetracht der Tatsache, dass sein Charakter in Der Elefantenmensch weniger dankbar zu spielen ist.

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