Uncategorized Benjamin on 15 Sep 2008 03:14 pm

Gomorrha – Reise in das Reich der Camorra (Matteo Garrone, Italien 2008)

Camorra – hinter diesem Namen versteckt sich eine der größten Verbrecherorganisationen der Welt, die italienische Mafia, die ihren Stammsitz in und um Neapel hat. Sie hat ihre Finger in fast allen kriminellen Bereichen mit im Spiel, sei es beim Drogenhandel, Waffenhandel, Schutzgelderpressung, Markenfälschungen, Schutzgelderpressungen oder auch dem berühmten italienischen Müllproblem. Die Stadt Neapel wird nahezu komplett von der Camorra kontrolliert und tritt als regelrechter Sozialdienst auf, da sich die Organisation auch um verwitwerte Frauen kümmert, um Retner oder Frauen der Männer auf Grund ihrer Dienste im Knast sitzen. Als einfacher Drogendealer verdient man das zehnfache eines Pizzabäckers.

Der Film von Matteo Garrone basiert auf dem gleichnamigen Bestseller von Roberto Saviano. Saviano ist in einer kleinen Stadt nördlich von Neapel aufgewachsen und hat das meiste von dem was er schildert selbst erlebt oder aus erster Hand erzählt bekommen. In seiner Heimatstadt haben fast 50% der Einwohner eine Vorstrafe wegen “Mitgliedschaft in einer mafiösen Vereinigung” – die Mitgliedschaft in der Mafia ist in dieser Region Italiens fast so selbstverständlich wie in Deutschland die Mitgliedschaft in einem Sportverein. So zeigt der film auch genau diese Ebene der Mafia. Anders als in den großen Scorsese Mafia-Epen oder im Paten bzw. Scarface werden uns nicht die obersten Ränge der Macht gezeigt, wir sehen nicht wie die Bosse ihren Geschäften nachgehen und verraten werden, sondern wir sehen die untersten Ebenen des täglichen Macht und Überlebenskampfes auf den Straßen.

Realismus ist die große Stärke des Films. An orginal Schauplätzen gedreht und mit Laiendarstellern aus der Region  besetzt erinnert er ein wenig an City of God, leider gibt es einen fundamentalen Unterschied. Wo in City of God die episodenhafte Erzählstruktur absolut überzeugen konnte und es schaffte, die vielen losen Einzelgeschichten des zu Grunde liegenden Romans sinnvoll miteinander zu verknüpfen, da nimmt sie Gomorrah viel von seiner Kraft. Es wird ständig zwischen den einzelnen Episoden hin und hergesprungen und es wird wenig erklärt. Man muss ich alles selbst zusammenreimen und manchmal fehlt dem Zuschauer dafür einfach das Hintergrundwissen. Auch wenn die Geschichten jede für sich sicher interessant sind, so sind selten spannend. Das ist die große Schwäche des Films. Wer sich denkt einen Mafiafilm im oben erwähnte Stil Scorseses oder Copollas zu sehen, der wird bitter enttäuscht sein. Der Film hat keine Gesamthandlung, die einzelnen Stränge werden weder im Laufe des Films oder am Ende miteinander verknüpft. Es ist mehr ein Spielfilm im Dokustil. Man wartet die ganze Zeit auf eine Geschichte, die den Film vorantreibt, und es dauert ein wenig, bis man erkennt, das es keine mehr geben wird. Wenn man dies vorher weiß oder sich damit abgefunden hat, kann der Film dennoch gut unterhalten, da er von dieser einen kleinen Schwäche in nahezu allen Belangen hervorragend umgesetzt und inszeniert ist. Vor allem ist es ein Film, der auch über den Kinobesuch hinaus nachwirkt und über den man hinterher ausgiebig reden kann. Sowohl über den Film an sich als auch über die Hintergründe. Dieser Film wird wohl leider keine großen Massen erreichen, er ist aber dennoch sehenswert. Man darf eben nur keinen europäischen Paten oder ähnliches erwarten, sondern eine sehr detailierte realistische Milleustudie der Camorra in Neapel.

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