Uncategorized Benjamin on 25 Sep 2008 01:13 am

Der Baader Meinhof Komplex (Uli Edel, Deutschland 2008)

Als ich vor einigen Monaten zum ersten Mal einen Trailer zum Baader Meinhof Komplex gesehen habe, war ich noch mehr als skeptisch. Ein deutscher Film zu so einem heiklen und komplexen Thema, der auch nicht, wie die meisten anderen RAF-Verfilmungen eher als kleines Drama inszeniert wurde, sondern eindeutig als großes Hochglanzeventkino das für volle Kassen sorgen, dass kann doch eigentlich nur schiefgehen.

Aber im Gegenteil. Bernd Eichinger und Uli Edel haben einen Film geschaffen der es schafft die historischen Ereignisse im Rahmen seiner Möglichkeiten korrekt und genau abzubilden und dabei keine Glorifzierungen vornimmt. Basierend auf dem Buch von Stefan Aust “Der Baader Meinhof Komplex”, das als Standardnachschlagwerk zum Thema RAF gilt, erzählt der Film die Geschehnisse aus dem Buch sehr detailliert nach. Eine Stärke bzw. aus anderer Sicht auch Schwäche des Films ist, das er keine Stellung bezieht. Baader, Ensslin und Meinhof werden nicht als linke Helden dargestellt, sondern die von ihenen verübte Brutalität und Gewalt wird erschreckend detailliert und realitätsgetreu dargestellt, so dass man trotz aller möglichen Sympathien für die Motive nie in Versuchung gerät die verwendeten Instrumente heldenhaft zu empfinden. Aber auch der Staat und die Haftbedingungen für die RAF-Terroristen werden sehr eindringlich und drastisch dargestellt. Der Film vergibt Sympathiepunkte auf beide Seiten und bezieht somit nie klar Stellung. Der Zuschauer muss selbst entscheiden, was er als angemessen empfindet und was er mißbilligt. Diese fehlende Positionierung führt auch dazu, dass es keine wirkliche narrative Handlung gibt. Historisch werden die Ereignisse abgearbeitet und erdrückend eindringlich dargestellt, aber eine Geschichte, eine wirkliche Hintergrundhandlung, eine wirkliche Motivation oder eingehendere Charakterisierung gibt es nicht. Versuchen die Persönlichkeit und Gedankengänge eines Terroristen, der Tote einfach so in Kauf nimmt, zu interpretieren oder nachvollziehbar zu machen ist sicher schwierig. Ob man dies nun als Stärke oder Schwäche des Films ansieht bleibt jedem selbst überlassen. Ich empfand es jedenfalls sehr positiv.

Uli Edel steckt in 150 Minuten Film 10 Jahre RAF Geschichte, in der eine Unmenge von Personen eine Rolle spielen. Ist die erste Generation um Baader Meinhof und Ensslin noch realtiv überschaubar für den Zuschauer, so treten doch spätstens aber der zweiten Generation die sich für den deutschen Herbst 1977 verantwortlich zeigt, so viele Personen auf, dass man keine Chance hat nachzuvollziehen, wer jetzt eigentlich genau welche Rolle spielt. Dies ist aber entschuldigt da man auch ohne Zeitzeuge gewesen zu sein einen relativ guten Überblick über das Geschehen bewahrt und der Film insgesamt sehr eindrucksvoll bleibt. Ein paar Szenen hätten nicht unbedingt sein müssen, etwa die nächtliche Autofahrt am Anfang des Films, als die Gruppe auf der Autobahn sinnlos in die Nacht und auf Verkehrsschilder ballert. Das erinnert zu sehr an “Ein Freund von mir” und hat wenig Aussagekraft und auch die Szene als Baader seine Lederjacke einem jungen Nachwuchsterroristen, ich glaube es war Klar, zuwirft, der mit Baaders Freundin Ensslin nackt in einer Badewanne sitzt – das ist dann doch zu viel Terrorrocker-Pathos, aber zum Glück ist dies, wie eingangs schon erwähnt die einzige Szene solcher Art, ansonsten schafft es Bleibtreu dass man sich Jean-Paul Sartres Kommentar zu Baader anschließen kann, der ihn einmal in der Haft besucht hat und auf der Rückfahrt im Auto sagte “Was ist der doch für ein Arschloch, dieser Baader.” Eine gute bis sehr gute Leistung von Bleibtreu, der es vor allem im letzten Drittel des Films schafft die Gefühlszustände seiner Figur glaubhaft und überzeugend herauszuarbeiten.

Der Spiegelredakteur fand Martin Gedeck in der Rolle der Ulrike Meinhof brilliant und bezeichnete sie als Herzstück des Films. Leider fehlt mir der Vergleich zur echten Meinhof, ich fand Gedeck viel zu aufgesetzt und von allen Darbietungen hat mir ihre am wenigsten Gefallen. Zwar ist ihre Figur bis zu ihrem Selbstmord der einzige kleine narrative Faden, der den Film durchzieht, aber das schwierige Kunststück die Wandlung Meinhofs überzeugend Darstellen zu können gelingt ihr meiner Meinung nach nicht.  Johanna Wokalek als Gudrun Ensslin hingegen ist wirklich brilliant. Äußerlich ist die Ähnlichkeit zum Orginal sehr frappierend, schafft sie es zum einen bildhübsch aber gleichzeitig auch unberechenbar und brandgefährlich zu wirken. Die Inszenierung des Film ist absolut hochkarätig und ist trotz eines Budgets von nur 6,3 Mio € auf höchsten internationalen Niveau und kann sich wirklich sehen lassen. Edel ist sehr auf Autheniztität bedacht und drehte wo es nur ging an Originalschauplätzen und bediente sich zahlreicher Archivaufnahmen, etwa der Landshutbefreiung, bei der ausschließlich Archivaufnahmen verwendet wurde. Aber auch mit der Handkamera nachgedrehte Szenen entsprechen den bekannten Originalaufnahmen in nahezu allen Details.

Leider fehlen dem Film zahlreiche Details, wie etwa die ernsthafte politische Anspannung speziell im Herbst 77 die sogar zu einer Regierungskrise führt, in der Bundeskanzler Schmidt ein nicht verfassungsmäßiges Organ, den großen Krisenstab einberief, der Vertreter aller Parteien beinhaltete und der fast zwei Monate, bis zum Ende der Krise die Regierung übernahm. In dieser Zeit, als die Rasterfahdnung erfunden wurde, Kontaktsperren und andere Gesetze erlassen  wurden, begann die Einschränkung der  bürgerlichen Grundrechte durch den Staat unter dem Vorwand der Terrorbekämpfung. Ereignisse, die gerade nach dem 11. September hochaktuell sind, haben ihre Wurzeln über 30 Jahre in der Vergangenheit. Das dies natürlich nicht Thema des Films sein kann ist klar, allerdings sind es Fakten die man zumindest am Rande hätte erwähnen müssen.

Alles in allem ist der Baader Meinhof Komplex ein hervorragender, hochpolitischer Film, der mehr darstellt, als erzählt, der keine Stellung nimmt, sondern nur zeigt, und dem Zuschauer selbst sein Urteil bilden muss. Freilich kann für eine Urteilsbildung der Film nur dazu dienen sich intensiver mit dem Thema auseinander zusetzen und mal ein paar Stunden mit jüngerer deutscher Geschichte zu befassen, da das Thema doch deutlich vielschichtiger und komplexer ist, als es ein Film je darstellen könnte, aber auf dieses hochkarätige Stück deutscher Kinounterhaltung sollte man keinesfalls verzichten. Für mich einer der besten Filme des Jahres.

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