Claireece Precious Jones hat kein leichtes Schicksal. Sie ist eine 16 jährige schwarze, die in Harlem lebt. Sie ist stark fettleibig, trotz Schulbesuch quasi Analphabetin, und ist zum zweiten Mal schwanger. Dies Kind stammt ebenso wie ihr erstes, welches am Down-Syndrom leidet, von ihrem Vater, der sie außerdem noch mit HIV infiziert hat. Ihre Mutter macht ihr das Leben zur Hölle, bewirft sie mit Gegenständen, befehligt sie rum, schlägt und mißhandelt sie und macht ihr täglich klar, dass sie überhaupt nichts wert sei, aus ihr nie etwas werden wird, und sie niemandem etwas bedeutet.
Precious flüchtet sich aus ihrem Alltag in eine Traumwelt. Während sie vom Vater mißhandelt wird, starrt sie an die Decke und sieht sich selbst als Star in einem Musikvideo. Wenn sie Fotoalben durchblättert, fangen die Figuren an mit ihr zu sprechen. Blickt sie in den Spiegel, sieht sie nicht sich selbst, sondern eine hübsche, schlanke, blonde Frau. Sie flüchtet sich in eine Welt, in der sie geliebt und akzeptiert wird.
Im Zuge der zweiten Schwangerschaft wird sie von der Schule suspendiert und gerät durch Vermittlung einer Lehrerin an eine Art Sonderschule. Vom Elan ihrer Lehrerin Miss Blu Rain angesteckt, beginnt Precious lesen zu lernen und sich regelmäßig mit einer Sozialarbeiterin zu treffen, die durch Zufall hinter die Mißstände im elterlichen Zuhause kommt. Nach der Geburt ihres zweiten Kindes kommt es zum großen Konflikt mit der Mutter. Diese lässt das Kind fallen und versucht Precious wieder zu mißhandeln. Dabei offenbart sie ihre Eifersucht darauf, dass ihr Mann mit Precious schläft, und gibt ihr die Schuld daran. Doch Precious hat mittlerweile ein wenig Selbstbewußtsein aufgebaut und kämpft gegen ihre Mutter und schafft es schließlich mit ihrem Kind zu entkommen. Nachdem sie in ihr Klassenzimmer eingebrochen ist, um der Kälte zu entkommen, helfen ihr ihre Lehrerin und ihre Lebensgefährtin in einem Sozialwohnheim unterzukommen, wo sie leben kann, und nebenbei weiter an ihrer Schulbildung arbeitet.
Precious: Based on the Novel “Push” by Sapphire ist eine klassische Millieustudie, die gerade vor dem Hintergrund der Wahl Barack Obamas zum Präsidenten der USA besonders interessant wird, da doch mit seinem Amtsantritt große Erwartungen in Hinblick auf die Rassenprobleme in den USA gestellt werden. Der Film wurde regelrecht gehyped und man stellt sich die Frage, ob er diesem Hype gerecht werden kann. Die Nominierungen in den fünf wichtigsten Oscarkategorien Bester Film, Beste Regie, Beste Schauspielerin, Beste Nebendarstellering und Bestes Drehbuch, zusammen mit der Nominierung für den Besten Filmschnitt müssten eigentlich für sich sprechen. Und in der Tat liefern die Schauspieler, obwohl größtenteils absolute Newcomer, sehr gute, und sehr passende Vorstellungen ab. Gabourey Sidibe gibt eine bemitleidenswerte, aber liebenswerte Precious ab. Ihre lakonischen Kommentare aus dem Off, ihr nuschelnder Slang, der im Orignal für Nicht-Amerikaner oft nur schwer zu verstehen ist, passen wie die Faust aufs Auge. Auch Mo’Nique gibt eine absolut bösartige Mutter, die es dann im entscheidenden Moment schafft kurzzeitig so etwas wie Symphathie und Mitgefühl zu wecken, wobei man trotz gewisser menschlicher Züge letztlich doch nur Verarchtung für sie und ihre (Nicht-)Taten empfinden kann. Für diese Leistung wurde sie bereits mit einem Golden Globe geehrt, man darf gespannt sein, ob es für einen Oscar reichen wird.
Über den Film lässt sich letztlich sagen, dass er eine sehr gut gemachte Millieustudie ist, die im Gedächtnis bleiben wird. Auf große Elendsbilder wird verzichtet und trotzdem schafft Regisseur Daniels es, das Ausmaß der Situation in vollem Umfang darzustellen. Die Figur Precious liefert für uns Europäer sicher wenig Identifkationspotential, aber dennoch schafft Sidibe es, dass man Symphathien für sie aufbaut, und vielleicht Menschen aus so einem Millieu, denen man bisher überwiegend mit Vorurteilen gegenüber getreten ist, aus einem anderen Licht zu sehen, und ihnen anders zu begegnen. Und das ist die große Stärke des Films.
Oscartipp: 1/6